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Du-topia oder doch lieber Siezen? Zur Wahl der Anredeform in Social Media

Lassen Sie uns (oder lasst uns?) mit einer kleinen Zeitreise beginnen. Wir sind im Schweden der 1960er und 1970er Jahre. Was hier in jener Zeit verabschiedet wird, geht als Du-Reform in die Bücher und den Alltag ein: Die Nordeuropäer legen das Du als allgemeines Anredepronomen fest. Heute ist es sogar unhöflich, sich mit Sie anzusprechen. Unterschiede machen die Schweden keine: Egal ob Professorin, Regierungschef oder Landwirt im Herzen der schwedischen Wildnis – würde man alle drei an einen Tisch setzen, sie würden sich mit Du anreden.

DER ANALOGE UND DIGITALE ANREDE-ALLTAG

Klingt irgendwie romantisch, oder? Zumindest sprachlich sind alle gleichgestellt. Doch die Situation lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Hier gab es keine offizielle Reform der Anrede und wir benutzen beide Pronomen ständig. Die Regeln sind dabei relativ klar: Neigen Kinder noch zu einem allgemeinen Du („Du, Frau Müller, ist das unsere Hausaufgabe für morgen?“), verinnerlichen sie ganz schnell Situationen, in denen ein Sie angebracht ist. Damit werden sie sozial geeicht, denn in die Entscheidung für oder gegen ein Du spielen auch die hierarchische bzw. berufliche Stellung und die Wie-gut-kenne-ich-mein-Gegenüber-Frage mit hinein. Klar, kennt man sich schon länger und unternimmt man auch außerhalb des Büros viel miteinander, klänge ein Sie künstlich und gestelzt.

Verlassen wir aber die analogen Gesprächssituationen des Alltags, zeigt sich eine andere Landschaft. Verfechter des Siezens würden sagen: „Dort hinten liegt Du-topia, gehe niemals dorthin.“ Dieser Ort, das Du-topia, ist ein digitaler Ort: In sozialen Medien duzen die meisten Unternehmen ihre Nutzer (Sandra Holzes Blog liefert anschauliche Beispiele). Oftmals steht die Anrede mit Du in den Postings aber in einem Konflikt mit der Anredeform auf der Website oder in E-Mails des Unternehmens: Hier werden Kunden meist mit Sie angesprochen. Sandra Holze sieht darin einen klaren „Bruch in der Anrede“.

EINHEITLICHE ANREDEFORM

Annette Schwindt, Betreiberin des Blogs “In Sachen Kommunikation” meint, es gebe kein Richtig oder Falsch, was das Duzen oder Siezen in Social Media angeht. Stattdessen sei es eine Ermessenssache des Unternehmens. Oftmals gehört es aber auch zum festen Corporate Image, seine Kunden zu duzen, wie das Beispiel Ikea zeigt. Es wäre komisch, wenn ein Unternehmen, das seine Kunden im Geschäft duzt, in den Social Media auf einmal das Sie als Anredeform wählen würde. Das passt nicht und lässt den digitalen Auftritt des Unternehmens weniger authentisch erscheinen.

Ebenfalls gekünstelt wirkt es, wenn Kunden je nach Posting verschieden angeredet werden, denn zu einem gelungenen Social-Media-Auftritt gehört neben einer visuell-optischen auch eine sprachliche Einheitlichkeit.

EINE FRAGE DER STRATEGIE

Du oder Sie – was denn nun? Am besten legt das Unternehmen die Anredeform in seiner Social-Media-Strategie fest. Dabei fallen Du oder Sie nicht vom Himmel, eher geschieht eine sorgfältige Abwägung mit Blick auf die Zielgruppe. Entscheidungshilfe kommt aus der Kommunikationswissenschaft, genauer gesagt mithilfe der Laswell-Formel: WER sagt WAS in welchem KANAL zu WEM mit welchem EFFEKT? Dazu ein kurzes Fallbeispiel:

  • Ein junges Start-up (Wer?)
  • wählt zur Kundenbindung (Was?)
  • seiner Fans (angenommen es fühlen sich durch das Start-up vor allem Gleichaltrige angesprochen)
  • auf Facebook (Kanal?) das Sie.

Der Effekt lässt sich beobachten: Gibt es Likes für die Beiträge des Start-ups, finden Diskussionen in den Kommentaren statt, gibt es generell Interaktion? Falls all das ausbleibt, wäre neben der Qualität des Contents auch die Anredeform zu überdenken. In unserem Fallbeispiel scheint das Du angebrachter. Ein guter Beitragstext beginnt mit der treffenden Anrede und animiert – mehr oder weniger offensichtlich – zu Interaktionen.

Ein Rezept für Instant-Erfolg oder gar eine korrekte Anrede existiert nicht. Das Duzen oder Siezen hängt entscheidend von der Zielgruppe ab, sodass eine Festlegung erst nach sorgfältiger Analyse stattfinden sollte.

QUELLEN UND TIPPS ZUM WEITERLESEN

https://sandraholze.com/duzen-oder-siezen-in-sozialen-netzwerken/
http://creditreform-magazin.de/2013/06/27/erfolgreich/admin/duzen-oder-siezen-in-social-media-eine-stilfrage/
Ein aktueller Artikel zur schwedischen Du-Reform und einem Revival der Anredeform Sie:
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.anrede-in-schweden-in-schweden-sagt-man-du.93b969c9-4d2b-4da3-830b-3ff945a6f4ce.html